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Eleganz vs. Verständlichkeit

von Kai um 18:05 am Montag, 28. Juni 2010 in Programmiersprachen, Studium | 2 Kommentare

Fremden Code zu lesen ist grausam. Man muss sich nicht nur in eine völlig andere Denkweise hinein versetzen, sondern versuchen einzelne Stückchen zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen.
Eigenen Code zu lesen ist aber mindestens genauso grausam, wenn der vorliegende Quelltext sagen wir älter als zwei Monate ist. Man vergisst schnell, was man sich beim entwickeln gedacht hat und warum man das entstehende Programm in eine bestimmte Richtung und nicht anders programmiert hat.

Wenn ich nun also zum Beispiel ein geschriebenes Programm aus dem ersten Semester um eine bestimmte Funktionalität erweitern müsste, dann wäre ich wahrscheinlich schneller, wenn ich das komplette Programm “from-scratch” noch einmal komplett neu schreiben würde.
Diese Erkenntnis ist natürlich schon lange bekannt und es gibt daher auch viele Konzepte, wie man diesem Problem entgegnen kann. Auf diese möchte ich hier aber gar nicht weitergehen, sondern versuchsweise aufzeigen, wie man im Kleinen schon darauf achten kann, lesbaren Code zu produzieren.
Als Beispielsprache verwende ich Python, weil mir erstens die Sprache sehr gut liegt und weil sie den Benutzer schon konzeptuell zwingt “saubereren” Code zu schreiben.

Kommentare sind dazu da, den eigenen Code zu erläutern bzw. zu erklären und verwendete Parameter auf ihre Bedeutung hin zu verdeutlichen. Im Prinzip wohl eine gute Sache. Ich finde den Einsatz von Kommentaren dennoch nicht gut, weil sie meiner Meinung nach das Problem nicht an der Wurzel packen: Wenn ich Code erst erklären muss, bevor sie einem dritten verständlich erscheinen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass entweder das zu lösende (Teil-)problem noch nicht ganz geknackt ist, oder meine Bezeichnungen für Funktionen und Variablen Mumpitz sind. Selbst Bezeichnungen für Hilfsvariablen sollten eindeutig bestimmen, wofür diese gebraucht werden.

Als Beispiel soll folgendes Szenario dienen:
Hier soll die Eingabe des Benutzer verarbeitet und an eine Funktion weitergegeben werden. Im ersten Beispiel ohne genauere Variablenbezeichnung und mit Kommentar, im zweiten Beispiel mit treffenden Bezeichnungen.
Obwohl die Lebensdauer der Variablen mindestgebot, auktionsdauer, dateipfad gerade mal zwei Zeilen beträgt, tragen diese doch erheblich zur Lesbarkeit bei:

# Eingabe: versteigere 50,60,/tmp/bild.jpg
eingabe = raw_input()
if eingabe.split()[0] == 'versteigere':
    data = eingabe.split()[1].split(',')
    if len(data) != 3:
        print "error: wrong input"
    else:
        # Startet neue Auktion mit Mindestgebot,
        # Dauer der Auktion und Pfad zum Bild
        auktion.versteigere(data[0],data[1],data[2])

Und jetzt nochmal mit eindeutigen Bezeichnungen

eingabe = raw_input()
userBefehl = eingabe.split()[0]
if userBefehl == 'versteigere':
    befehlsParameter = eingabe.split()[1].split(',')
    if len(befehlsParameter) != 3:
        print "error: wrong input"
    else:
        mindestgebot, auktionsdauer, dateipfad = befehlsParameter[:]
        auktion.versteigere(mindestgebot, auktionsdauer, dateipfad)

Wie man sieht, hat man also nur durch eine bessere Bezeichnung der übergebenen Variablen ein Kommentar gespart und (hoffentlich) erheblich zur Lesbarkeit beigetragen.

Meines Erachtens darf hier auch ruhig redundante Information im Code vorkommen, wenn sie der Lesbarkeit dient. Im obigen Code ist das zum Beispiel das unnötige Slicing (befehlsParameter[:]), weil Python schlau genug ist, auch ohne das Slicing zu erkennen, dass die Liste mit drei Parameter auf die drei vorstehenden Variablen übergeben werden soll. Dennoch wird man durch das ‘[:]‘ beim Lesen noch einmal explizit darauf hingewiesen.